Die feierliche Eröffnung des Borsigplatz Geschmacksarchivs

Das Borsigplatz – Geschmacksarchiv
Arhiva ukusa sa Borzigplaca
Konzept / Koncept: Angela Ljiljanić
Archivare: Die BewohnerInnen des Borsigplatzes
Arhivari: Stanovnici Borzigpalca
Projektbegleitende Beratung: Die Gemüsewerft aus Bremen
Field Supporter: dilettantin produnktionsbüro
Fotos / Fotografije © Michael Scheer
Interviewsequenzen: Teresa Grünhage
Publikationsbeitrag: Angela Ljiljanic & Teresa Grünhage
„Zwischen Anspruch und Wirklichkeit“
Hg.) Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft – Bonn, 2016
ISBN 978-3-00-052296-3
 
geschmacksarchiv_1
 

Die feierliche Eröffnung des Borsigplatz – Geschmacksarchivs®

Nach 6 Monaten der intensiven Kommunikation untereinander und der Pflege der Kräuter und Stauden, arbeiteten die Anwohner an einer Komposition von Geschmäcken. Ob Pesto, Gelee, Mus, Öle, Essig oder Kräutertinkturen: Ausgesuchte Zutaten, die zuvor in den Hochbeeten angebaut wurden, werden zu neuen und einzigartigen Geschmacksmustern kombiniert. Dass es nicht einen typischen Borsigplatz-Geschmack geben kann, sondern eine Vielfalt an Ideen und Geschmäckern in der heterogen Nachbarschaft existiert und es somit unbegrenzte Möglichkeiten zu kombinieren und schmecken gibt, spornte die Teilnehmer des Geschmacksarchivs an, gemeinsam zu experimentieren. Auf der Grundlage althergebrachter Rezepte wurden selbst angebaute Zutaten zu neu limitierten Geschmacksmustern komponiert und ein neues (kulinarisches) Selbstbildnis a lá Borsigplatz zu Tage gefördert. Vorrausetzung dafür war jedoch nicht nur der Mut der Anwohner, etwas Neues und Ungewohntes zu entwickeln und sich vom eigenem Geschmack leiten zu lassen, sondern auch der Mut derjenigen, die sich bei der späteren feierlichen Eröffnung des Geschmacksarchives getraut haben, etwas Unbekanntes zu „erschmecken“ und auszuprobieren, denn die Zutaten waren nicht auf den Etiketten der Muster gekennzeichnet, lediglich der Name des jeweiligen Geschmacksentwicklers und der Slogan: So schmeckt der Dortmunder Norden…!

geschmacksarchiv_1

„Drin ist, was rausgeschmeckt wird“, erklärt Angela Ljiljanic die Intention des Projektes. „Wir wollten den Esser verführen, etwas neu zu denken, zu sehen und wahrzunehmen, und diese Wahrnehmung mit Anderen zu teilen.“ Inspiriert durch die fehlenden Angaben der Zutaten, konnte man dem verheißungsvolle Inhalt „nur“ durch Riechen, Schmecken und das Gespräch auf die Spur kommen – was mit den tatsächlich vorhandene Zutaten nichts zu tun habe musste. Das Küchengeheimnis lüften und eine ausführliche Inhaltsangabe erteilen konnten nur die Autoren der signierten Tiegel und Edelglasflaschen. Der Rege Austausch und das Zutatenraten verführte darüber hinaus zu Tischgesprächen über alternative Nahversorgungsmodelle am Borsigplatz und es stellte sich schnell heraus, dass einem künstlerisch angehauchten Feinkostladen mit den raffinierten Köstlichkeiten und neuen Geschmacksmustern aus den Kochateliers vom Borsigplatz nichts mehr im Wege stehen würde. Nach der Eröffnung erreichten die Anwohner mehrfache Anfragen nach einer Neuauflage und auch die erste Geschmacksedition war mit den letzten Gästen restlos ausverkauft.

 

 

Routenplaner Linz – Borsigplatz (Angela Ljiljanic):

Der überregionale Bekanntheitsgrad der faustgroßen Berliner Krapfen mit Zuckerguss, die in Frankreich liebevoll „Boule de Berlin“ genannt werden, sowie die Schwarzwälder Kirsch und die Russische Zupftorte, gingen meiner Idee zum Borsigplatz Geschmacksarchiv® mit ebenso gutem Beispiel voran, wie das wohl älteste Tortenrezept der Welt, das zudem den Namen seiner Stadt enthält: Die Linzer Torte! Ein Wahrzeichen, welches beim Anblick des typischen Teiggitters, gefüllt mit roter Ribiselmarmelade keinen Zweifel an seiner Herkunft aufkommen lässt. Die Donaustadt schaffte es mittels ihrer kulinarischen Botschafterin, einer Torte (!), ein Stadtbild von barocker Pracht und althergebrachter Schönheit aufmerken zu lassen und in die ganze Welt zu exportieren. Ein süßer Gruß aus dem Ofen eilt der Stadt als Ruf voraus und fällt in Form eines günstigen Lichts auch wieder auf sie zurück. Das Linz, als die wohl größte Industriemetropole des Landes, mit stolzer Brust, Berge von rostfreien Stahl produziert und einen, wenn nicht den größten, Chemiepark Österreichs betreibt, das hat uns die Torte nicht verraten, aber auch nicht verschwiegen. Eine Art poetischer Realismus, der die Grundzutaten für seinen eigenen Mythos immer und immer wieder in Erinnerung bäckt und über Generation und Ländergrenzen hinaus, von Caféhäusern bis hin zu Supermarkt – Tiefkühlregalen, uraufführen lässt.

geschmacksarchiv_web_2

Der kreisrunde und BVB bekannte Borsigplatz hatte zweifelsohne alle nötigen Zutaten, um für sich selbst und für die anderen ein kulinarisches Einheitserlebnis mit dem Prädikat “typisch Borsigplatz” hervorzubringen: Architektonisch ansehnliche Gründerzeitgebäude, kulturelle Vielfalt, ein Fußballverein, der 1909 in einem Restaurant gegründet wurde und dessen Gründerväter sich bei der Namensfindung von der ortsansässigen Borussia-Brauerei inspirieren ließen, waren für die Entwicklung einer mythologischen Speise genauso sinnfällig, wie die aus Eisen und Stahl geschmiedete Entstehungsgeschichte des Viertels, über dem der Vorschlaghammer delikater Schlagzeilen kreiste. Die überregionalen Exportschlager: Armut, Armutszuwanderung, Drogen, Müll und Bambulementaliät, verliehen dem Gleichnis von der Torte ihren widersprüchlichen Charme und der Kunst die nötige elektrische Ladung.

geschmacksarchiv_3_Web

Es galt im Gruppenprozess herauszufinden, welche Zutaten und welcher Mythos in der Herstellung einer Borsig assoziierten Speise eine Rolle spielen könnten und der Frage nachzugehen: Wie und wonach schmeckt der Borsigplatz und die Dortmunder Nordstadt, in der 132 Nationalitäten beheimatet sind? Experimentelles Kochen, um die Voraussetzungen für ein Verständnis der Kräfte zu schaffen, die das Wesen der Transformationen bestimmen und sich so aus Sicht der Bewohner, der symbolischen Auseinandersetzung und Präsentation des eigenen Viertels zu widmen, die dann wertvolle Umsetzungsbeispiele für die konkrete, soziale Wirklichkeit am Borsigplatz liefern.

geschmacksarchiv_0

Irene Gagoupulos, ca. 63 Jahre, Anwohnerin Borsigplatz/Schlosserstraße, Teilnehmerin am Projekt „Borsigplatz – Geschmacksarchiv“ im Gespräch mit Teresa Grünhage:

T: Welche Aufgaben haben Sie beim Geschmacksarchiv übernommen?

I: So richtig ging es für mich erst los, als die P flanzen so langsam zu sehen waren. Da habe ich angefangen zu überlegen, wie man sie verwenden könnte. Ich experimentiere unglaublich gern in meiner Küche.

T: Also braucht es für Sie nicht allzu viel Mut, etwas Neues in der Küche zu kreieren?

I: In der Küche gibt es keine Grenzen. Du musst Lust, Mut und Phantasie haben. Bei Pflicht kann es nicht klappen. Alles muss mit Lust und Liebe gemacht werden. Und wenn die Liebe vorhanden ist, dann schmeckt das Essen auch danach.

T: Woher bekommen Sie in der Küche Ihre Ideen?

I: Ich vertraue meinen Gefühlen und habe ganz viel von meiner Mutter gelernt.

geschmacksarchiv_doku_5

T: Wie war es dann für Sie Ihre neuen Kreationen der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu verkaufen?

I: Aufgeregt war ich nicht. Meine Mutter hat immer gesagt: „Egal was du im Leben machst: Du brauchst keine Angst zu haben.“ Für mich gibt es nur ein Ja oder ein Nein. Entweder du springst ins kalte Wasser oder nicht. So geht es mir, seit ich mit 18 Jahren von Griechenland nach Deutschland gekommen bin. Gut Deutsch sprechen konnte ich nicht. Ich habe gekämpft, ganz ohne Dolmetscher und es hat immer irgendwie geklappt. Ich war neugierig, wie es den Leuten schmeckt und ob sie erschmecken was drin ist.

geschmacksarchiv_10_Doku

geschmacksarchiv_14_doku

T: Was gab es denn alles zum Testen?

I: Eigentlich waren es keine sehr ausgefallenen Sachen. Wir haben völlig alltägliche Dinge verarbeitet, z.B. Pflaumen zu Marmelade. Aber das Besondere war eben das Gewürz oder die Kräuter, die Jedem den ganz besonderen Geschmack gegeben haben.

T: Was war ein ganz besonderer Moment für Sie?

I: Der Tisch! So groß, toll gedeckt und viele Menschen! Das war ein unglaublicher Augenblick. Auch war es toll, dass auf den Etiketten keine Zutaten zu lesen waren. Es war wie ein Spiel. Die Leute musste erschmecken und das war für manche ganz schön schwer. Da war zum Beispiel eine Frau, die überhaupt keine Auberginen mag. Ich hatte aus Auberginen aber eine Paste gemacht, sie mit dem Mixer zerkleinert und gewürzt. Der Frau hat es sehr gut geschmeckt und sie konnte gar nicht glauben, dass das Auberginen waren. Toll war auch, dass zu Beginn noch eine Rede gehalten wurde, bei der alle erwähnt wurden, die mitgemacht haben. Und das Fernsehen war da!

geschmacksarchiv_justkids

T: Geht es mit dem Geschmacksarchiv weiter?

I: Ich bin schon von Nachbarn gefragt worden, ob wir drei Frauen nicht ein Geschäft eröffnen wollen. Aber wie soll das gehen? Wir sind nicht in dem Alter, in dem man das so einfach macht. Vielleicht gibt es ja ein paar junge Menschen, die die Idee weiterdenken können. Aber in meiner Küche geht es natürlich weiter! Ich freue mich auch sehr, wenn die Angela vorankommt! Sie soll weitermachen. Das ist ganz toll, was sie macht.

geschmacksarchiv_6_Doku

geschmacksarchiv_10.1_Doku

geschmacksarchiv_11_Doku