Das Borsigplatz – Geschmacksarchiv : Preopening

Das Borsigplatz – Geschmacksarchiv
Arhiva ukusa sa Borzigplaca
Konzept / Koncept: Angela Ljiljanić
Archivare: Die BewohnerInnen des Borsigplatzes
Arhivari: Stanovništvo Borzigpalca
Projektbegleitende Beratung: Die Gemüsewerft aus Bremen
Fotos / Fotografije © Angela Ljiljanic
Publikationsbeitrag: Angela Ljiljanic & Teresa Grünhage
„Zwischen Anspruch und Wirklichkeit“
(Hg.) Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft – Bonn, 2016
ISBN 978-3-00-052296-3
 
preopening_ga

Das Borsigplatzgeschmacksarchiv – Preopeningphase ( 6 Monate), every single day – auch Sonntags!

Wie und wonach schmecken der Borsigplatz und die umliegende Dortmunder Nordstadt, in der 132 Nationalitäten beheimatet sind? Ein Geschmacksfeld, das viele Gewürze, Essgewohnheiten und Rezepte aus aller Herren Länder vereint. Die Anwohner des Borsigplatzes bauen Hochbeete, pflanzen die von ihnen ausgesuchten Kräuter und Stauden, behalten die eine Hälfte für ihre Alltagsküche und geben die andere Hälfte für eine experimentelle Küche frei, die dem typischen Borsiggeschmack auf die Schliche kommen will und in einer herzhaften Speise seinen Audruck finden soll.

Krauterauswahl_ad

Geschmacksarchiv_Preopening Kopie

 

Von der Industriepflanze Borsigplatz zum Borsigplatz Geschmacksarchiv®

Während am helligten Tage ein selbst angesetzter Fruchtlikör der Künstlerin zum Wohle gereicht wurde und gefüllte Weinblätter (auf griechische Art) zeitweise das Gespräch dominierten, gab die gastgebende Bevölkerung Ljiljanic „per Du“ Aufschluss über die historische und strukturelle Gesamtentwicklung im Quartier. Von den Folgen brachliegender Großindustrie war Rede. Menschen, die sich aus ihren tradierten Produktionsprozessen herausgedrängt sehen und Neuzuwanderer, die die erhofften Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht vorfinden prägten, neben der fußläufig gut zu erreichenden Nahversorgung und gruppenunspezifischen Caféhauskultur, die Wünsche an das konkrete Handeln innerhalb und außerhalb der Kunst. Trotz Beschwerdechor – Ljiljanic hörte schnell heraus; die Menschen fühlen sich mit ihrem herausfordernden Lebensumfeld aufs Engste verbunden. Das Leben am Borsigplatz ist an manchen Stellen kein Zuckerschlecken und doch eine Manufaktur für Heimatliebe.

Von wallnussgefüllter Baklava, eingelegtem Gewürzgemüse, feurig-scharfer Paprika-Sauce und milden Pfefferonen, die probierbereit aus den Vorratskammern der Privathaushalte hervorgeholt wurden, war der Weg zum gemeinsamen künstlerischen Ansinnen nicht mehr weit. Kurzum, Ljiljanic machte die zusammengetragenen Speisen und Nöte der Anwohner zur gemeinsamen Tugend und rief das Borsigplatz Geschmacksarchiv® aus.

Geschmacksarchiv_Preop_9

Der kulinarische Straßenatlas wird zur einer Art Schwelle, die ein Überschreiten zwischen Kunst und Alltag möglich macht. Die von Ljiljanic als „Kommunikationsplattformen“ bezeichneten Hochbeete nahmen im Rahmen ihrer Residence, eine sehr zentrale Rolle für die Interaktion der Anwohner ein. Geleitet durch ihr Interesse an soziokulturellen Räumen findet Ljiljanic in der Nachbarschaft am Borsigplatz so den Zugang zu den eigeschworenen Innenhofgemeinschaften, verriegelten Hinterhöfen und den dahinter liegenden Wohnungen und Küchen, erforscht und erprobt in den Versammlungsräumen des Alltags, die spezifischen Möglichkeiten sozialdynamischer Verhandlungsräume für Kunst und Selbstermächtigung – fernab von Institutionen und Musealisierung. Ljiljanic nimmt im gesamten Prozess Kommunikationsvorgänge bei den Anwohnern mit den unterschiedlichsten Resultaten wahr – oszillierend zwischen Emanzipation, Kooperation und Aufstand. So gab es einerseits Anwohner, die, so beobachtete es Ljiljanic, ihr einen Gefallen tun wollten in der Pflege und Errichtung der Beete oder auch eben nicht und diese nach anfänglicher Begeisterung demonstrativ vernachlässigten. Für die vernachlässigten Hochbeete richtete sie eine Warteliste ein, in der sich alle weiteren interessierten Anwohner für eine Patenschaft eintragen konnten, um eine kunstbedingte Versetzung zu beantragen. Diese lies dann im gesetzten Fall nie lange auf sich warten. Die Mehrheit jedoch sah die Chance, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen und nahm dies zum Anlass, die Tore zu den Hinterhöfen zu öffnen, Werkzeug und Material aus den Kellern hervorzuholen, heimisches Saatgut zu produzieren, Generations- und Straßenübergreifend Pläne zu schmieden.

Geschmacksarchiv_Preopening

Offiziell gab es in den Hinterhöfen neun und außerhalb der Höfe 11 frei zugängliche Hochbeete, die die Anwohner anlegten. Wie hoch die genaue Dunkelziffer ist, weiß die Künstlerin nicht. Einige Anwohner begutachteten im Vorbeigehen und scheinbar desinteressiert die recht ansehnlichen Hochbeete. Doch als Herr W. wie gewohnt, Apfel- und Melonenkisten vom benachbarten Gemüsehändler abholen will, bekommt er mitgeteilt, dass, seit dem das Borsigplatz – Geschmacksarchiv® die Runde mache, nun viele ,heimlich‘ bei ihm Holz abholen, um nach gesehenem Vorbild ,eigene‘, kunstferne Hochbeete zu bauen und er kein Holz mehr vorrätig hätte. Ljiljanic machte sich nicht etwa auf die Suche nach den Hochbetten, sondern gab den Schaulustigen und scheinbar Desinteressierten ganz genaue Auskunft über den Bau der Hochbeete: Eine Bauanleitung, getarnt als Smalltalk!

preopening_ga_8_wp

Peter Wiesnewski, ca. 72 Jahre, Anwohner Borsigplatz/Schlosserstraße, Teilnehmer am Projekt „Borsigplatz – Geschmacksarchiv“ von Angela Ljiljanic im Gespräch mit Teresa Grünhage:

T: Welche Aufgaben haben Sie beim Borsigplatz – Geschmacksarchiv übernommen?

P: Ich habe das nötige Equipment im Keller. Alles vom Akkubohrer bis zur Stichsäge. Das ist sehr praktisch, wenn man hier etwas bauen möchte. Ich konnte mich handwerklich sehr gut einbringen und habe die Hochbeete aufgebaut und auch zum Beispiel die Rollen unter die Beete montiert. Wenn die Erde nass wird, dann sind die Beete so schwer, dass sie sich kaum bewegen lassen. Da sind Rollen sehr praktisch.

T: Was hat Ihnen am Besten an dem Projekt gefallen?

P: Ein Vorteil für mich an der Hochbeete Aktion mitzumachen war das Hin-und Herlaufen. Ich habe mich unglaublich viel bewegt. Das hält frisch. Das war ein schöner Nebeneffekt. Für mich ist es schön, wenn ich bei Dingen handwerklich helfen kann. Auch war es schön, mit Tolger zusammenzuarbeiten. Tolger ist mein Nachbarsjunge und er hilft mir sehr viel. Er hat großes Interesse etwas Neues handwerklich zu lernen. Und ich kann ihm etwas beibringen. Er darf sich auch das Werkzeug aus meinem Keller holen. Da vertraue ich ihm ganz.

Geschmacksarchiv_Preopening_3

T: Wie kommt es, dass Sie sich sehr gut handwerklich auskennen?

P: Das, was ich an Handwerk gelernt habe, habe ich mit den Augen gestohlen. Ja es ist wirklich so. Wie kann ich das beschreiben? Wissen Sie, ich habe sehr viele Berufe gehabt. Und überall habe ich hier und da mal zugeschaut. Da nehmen die Augen und der Kopf viel mit. Zuerst habe ich als Tankwart gearbeitet. Dann war ich Bergmann, sogar mit Hauerbrief. Dann habe ich im Straßenhoch- und Tiefbau gearbeitet. Ich war selbstständig und hatte mehrere Mitarbeiter. Dann wurde ich Berufskraftfahrer und danach Elektriker. Können tue ich also sehr viele Sachen. Aber oft fehlt mir das Material, um meine Ideen auch umzusetzen.

T: Werden die Hochbeete denn in Ihrer Nachbarschaft gebraucht?

P: Ja auf jeden Fall. Hier kommt man in Kontakt miteinander.

geschmacksarchiv_preopening_1

T: Gibt es etwas, das Ihnen nicht gefallen hat?

P: Ich habe erwartet, dass es noch mehr Teilnehmer gibt. Vielleicht so drei bis vier mehr. Aber hier in dem Viertel gibt es auch viele ältere Menschen, die können eben nicht mehr so einfach mitmachen. Andere zeigen oft kein Interesse. Wissen Sie, ich sitze gern draußen. Auch gerade sitze ich in einer Bank in der Sonne. Es wäre schön, wenn die Leute, die hier vorbeikommen auch einmal stehen bleiben. So könnten wir ins Gespräch kommen.

geschmacksarchiv_preopening_7

T: Wie lange leben Sie schon am Borsigplatz?

P: Ich lebe seit 2006 hier. Davor habe ich 50 Jahre am kleinen Borsigplatz gelebt. Ich werde hier wohnen bleiben, bis ich das Haus mit den Füßen voran verlasse. Mir gefällt es hier.

T: Was wünschen Sie sich für Ihre Nachbarschaft?

Gechmacksarchiv_Preopening_4

P: Ich möchte Leute zusammenbringen, damit wir reden können. Aber sie müssen von allein kommen. Es wäre schön, wenn die Nachbarn einfach mal rüberkommen, um Gespräche zu führen. Aber da gibt es auch oft sprachliche Hindernisse. Viele verstehen hier nicht viel Deutsch oder trauen sich leider nicht deutsch zu sprechen. Es gibt hier aber auch viele türkische Familien, die sehr gut deutsch sprechen. Sie sind aber leider berufstätig und haben nicht sehr viel Zeit.Wissen Sie, ich habe da so eine Idee. Vielleicht ist sie ein bisschen zu groß. Aber es ist gerade eben mein Traum. Es wäre so toll bei uns im Hof einen kleinen Weihnachtsmarkt für alle Nachbarn zu organisieren. Ich weiß nicht, ob das klappt. Aber es würde hier alle zusammenbringen. Jeder könnte etwas mitbringen. Wir könnten zusammen essen und reden. Wir könnten eine Gulaschkanone haben oder einen Crêpe-Stand. Crêpe mit Puderzucker, das wär doch was! Oder einen Bratwurststand!

Interview: Teresa Grünhage

geschmacksarchiv_preopening_6

Mein besonderer Dank für das Zustandekommen des Borsigplatz Geschmacksarchivs gilt:

Tolger Elcin | Peter Wiesnewski | Petra Anand & Familie | Irene Gagoupulos & Familie | Heidi Reinhold & Familie | Charlotte Teer & Stephan Teer | Paule & Samir | Yalcin – Obst Gemüse Feinkost | Petra Schlüter & Ursula Toschka von der Vincenz – Jugendhilfe | Kevin & Ana | André Koernig | Janine Bergmann von der Stadteilschule | der Gemüsewerft aus Bremen für ihre projektbegleitende Praxisberatung und dem dilettantin produktionsbüro für die Erweiterung des Borsigplatz Geschmacksarchivs!!!